Schweizer Bahntechnikkonzern: Flirt and Kiss - darum ist Stadler ein Investment wert


Wer bei dieser Überschrift an die Verlockungen der bald beginnenden Badesaison oder des Urlaubs in Spanien denkt, liegt leider daneben. Wir befinden uns nämlich nicht in der Gefühls- und Genusswelt, sondern in den prosaischen Niederungen des allerdings hochinteressanten Eisenbahngeschäftes.

Flirt steht nämlich für "Flinker Leichter Intercity und Regional-Triebzug. Hersteller ist das Schweizerische Bahntechnikunternhmen Stadler. Dallas Area Rapid Transit aus Texas hat 2019 8 Regionalzüge mit Wartung und Instandhaltung über die nächsten 15 Jahre bestellt. Der Auftragswert beträgt insgesamt 112 Millionen Dollar. An Slowenien wurden ab 2018 insgesamt 94 Flirt-Züge ausgeliefert.

Den Flirt gibt es jetzt auch mit Wasserstoffantrieb. Die San Bernardino County Transportation Authority in Kalifornien hat einen Flirt-Zug mit Wasserstoffantrieb bestellt, der ab 2024 im normalen Betrieb im Süden Kaliforniens eingesetzt werden soll.

"KISS" wiederum steht für Komfortabler Innovativer Spurtstarker S-Bahnzug, dies sind Doppelstock-Triebzüge, wie wir sie aus Deutschland auch vom Regionalexpress kennen. Zusätzliche 21 dieser Züge hat das ungarische Eisenbahnunternehmen MAV-Start im Wert von ungefähr 313 Millionen Euro bei Stadler bestellt, nachdem seit 2017 insgesamt schon 19 Züge geliefert wurden.

Es gibt auch exotische Aufträge: Im Frühjahr 2019 lieferte Stadler einen Schlafwagenzug mit neun Wagen an die Eisenbahn in Aserbaidschan. Eisenbahnfreunde könnte interessieren, dass diese Strecke über Achalkalaki in Georgien führt. Die 6200 Kilometer von Basel nach Baku hat der Zug natürlich auf eigenen Achsen zurückgelegt. Diese und noch viele andere neue Aufträge geben dem Unternehmen kräftig Schub: Für 2019 wird ein Umsatz von 3,2 Milliarden Schweizer Franken ausgewiesen, der immerhin 60 Prozent über dem Wert von 2018 liegt.

Die Umsatzrendite liegt dabei bei 6 Prozent. Eigentlich sollte die Rendite höher liegen, aber ein großer Auftrag in England verspätet sich und führt wegen einiger technischer Pannen zu höheren Kosten. Für das laufende Jahr 2020 wird ein zweistelliges Umsatzwachstum, aber nicht mehr in der Höhe 60 Prozent, erwartet. Die Rede ist von einem Umsatzziel von vier Milliarden Schweizer Franken, teilweise abhängig von der Entwicklung von Wechselkursen.

Stadler hat hohen Auftragsbestand - Aussichten fundamental günstig

Für das Geschäftsjahr 2020 liegen die Gewinnschätzungen bei 2,30 Schweizer Franken je Aktie. Damit liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei ungefähr 20 bei einem Kurs in der Nähe von 50 Schweizer Franken, in der Nähe des Höchststandes vom November 2019. Allerdings ist das Unternehmen erst im Frühjahr 2019 an die Börse gegangen.

Diese und noch viele andere neue Aufträge geben dem Unternehmen kräftig Schub. Da es sich im Eisenbahngeschäft aufgrund strenger Zulassungsvorschriften um einen oligopolitischen Markt handelt, sind die weiteren Fundamentalaussichten angesichts des überall zu sehenden Ausbaus des öffentlichen Nahverkehrs auf viele Jahre hinaus sehr günstig.

Allerdings ist das Unternehmen erst im Frühjahr 2019 an die Börse gegangen, so dass keine lange zurückreichende Börsengeschichte vorliegt und für Kaufentscheidungen herangezogen werden kann. Das Familienunternehmen ist aber seit Jahrzehnten am Markt und gilt als sehr langfristig und konservativ ausgerichtet.

Die kürzliche Übernahme der Zugsparte von Bombardier durch den TGV-Hersteller Alstom zeigt, wie interessant das Eisenbahngeschäft ist. Der Bahnverkehr gilt als das Rückgrat künftiger Mobilität, insbesondere in Zeiten, in denen das Fliegen von Vielen kritisch gesehen wird.

Anleger, die in einem Zukunftsmarkt positioniert sein wollen und mit ihren Anlagen auch zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen, sind nach unserer Ansicht bei Stadler mit einer langfristigen Perspektive gut aufgehoben. Zusätzlich lockt die Perspektive von Zügen mit emissionsarmem Wasserstoffantrieb. Allerdings ist, je nach Auftragseingängen und Abrechnungen von Großaufträgen mit größeren Schwankungen bei Umsätzen und Erträgen zu rechnen. Der langfristige Anleger sollte sich davon jedoch nicht ablenken lassen.

© manager magazin 2019

 



 

 

 


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